Pflegetagebuch führen: Was Sie vor der Begutachtung notieren sollten
Ein Pflegetagebuch führen Sie am besten ein bis zwei Wochen vor dem Termin mit dem Medizinischen Dienst. Notieren Sie jeden Tag, wobei die pflegebedürftige Person Hilfe brauchte, wie oft und wie diese Hilfe aussah.
Inhalt
Ein Pflegetagebuch ist eine schlichte Mitschrift des Pflegealltags. Sie halten darin ein bis zwei Wochen lang fest, wobei Ihr Angehöriger Hilfe braucht, wie oft das vorkommt und was Sie dabei konkret tun. Beim Termin mit dem Medizinischen Dienst (MD) haben Sie damit Belege in der Hand, statt aus dem Gedächtnis schätzen zu müssen.
Wozu brauchen Sie ein Pflegetagebuch?
Die Gutachterin oder der Gutachter sieht Ihren Angehörigen an einem einzigen Vormittag. Viele Pflegebedürftige reißen sich bei diesem Besuch zusammen, ziehen sich ordentlich an und sagen auf die Frage nach dem Waschen: "Das mache ich alleine." Was am Abend oder in der Nacht passiert, bekommt der MD so nicht mit.
Im Gutachten zählt, wie selbständig jemand im Alltag ist. Der MD bewertet das in sechs Modulen, die unterschiedlich stark gewichtet werden (mehr dazu unter Pflegegrade erklärt). Ihr Tagebuch liefert für jedes Modul Beispiele mit Datum. Das macht Ihre Aussagen nachprüfbar, und Sie vergessen im Gespräch nichts, was Ihnen nebenbei selbstverständlich geworden ist.
Kommt der Bescheid mit einem zu niedrigen Pflegegrad, können Sie mit den Einträgen einen Widerspruch gegen den Pflegegrad begründen. Auch für einen späteren Antrag auf Höherstufung ist ein zweites Tagebuch die beste Vorbereitung.
Wie lange sollten Sie das Tagebuch führen?
Ein bis zwei Wochen vor dem Begutachtungstermin sind ein guter Zeitraum. Sobald die Pflegekasse den Antrag bestätigt hat, können Sie anfangen; der MD meldet sich meist einige Tage bis wenige Wochen vorher mit einem Termin.
Die zwei Wochen passen zur Bewertung im Gutachten. Im Modul 3 (Verhaltensweisen und psychische Problemlagen) fragt der MD danach, wie oft etwas vorkommt. Das Gesetz unterscheidet "selten" (ein- bis dreimal innerhalb von zwei Wochen), "häufig" (zweimal bis mehrmals wöchentlich, aber nicht täglich) und "täglich". Wer zwei Wochen lückenlos notiert hat, kann genau diese Frage beantworten.
Schreiben Sie jeden Tag, auch an guten Tagen. Ein Eintrag wie "heute ruhig, hat mittags allein gegessen" macht das Tagebuch glaubwürdig. Gutachter merken schnell, wenn nur Katastrophen aufgeschrieben wurden.
Was Sie je Modul notieren
Halten Sie sich an die sechs Module, nach denen der MD fragt. Dann können Sie Ihre Notizen im Gespräch an der richtigen Stelle anbringen.
Modul 1, Mobilität: Kann Ihr Angehöriger sich im Bett allein drehen, aufstehen, vom Bett in den Sessel wechseln, in der Wohnung gehen, Treppen steigen? Halten Sie fest, ob Sie stützen, festhalten oder nur danebenstehen. Stürze und Beinahe-Stürze kommen mit Uhrzeit ins Heft.
Modul 2, kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Erkennt Ihre Mutter Nachbarn und Enkel? Weiß sie, welcher Tag ist und wo sie sich befindet? Kann sie einfache Entscheidungen treffen, etwa ob sie bei Regen eine Jacke braucht? Versteht sie Aufforderungen, und kann sie sagen, wenn sie Schmerzen hat oder zur Toilette muss?
Modul 3, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: Hierher gehören nächtliche Unruhe, Umherlaufen, Ängste, Wahnvorstellungen, Beschimpfungen, das Abwehren von Hilfe beim Waschen oder bei Medikamenten. Schreiben Sie bei jedem Vorfall Datum und Uhrzeit dazu, denn hier zählt allein die Häufigkeit.
Modul 4, Selbstversorgung: Dieses Modul hat mit 40 Prozent das größte Gewicht. Beschreiben Sie, was beim Waschen, Duschen, Zähneputzen, An- und Ausziehen, bei der Toilette, beim Essen und Trinken passiert. Müssen Sie das Essen klein schneiden? Erinnern Sie ans Trinken, weil sonst den ganzen Tag nichts getrunken wird? Wechseln Sie Inkontinenzmaterial? Anleiten und Beaufsichtigen zählt ebenfalls als Hilfe, auch wenn Sie dabei nichts anfassen.
Modul 5, Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen: Medikamente richten und geben, Blutzucker messen, Insulin spritzen, Kompressionsstrümpfe anziehen, Verbände wechseln, Inhalieren. Arztbesuche und Therapien mit Begleitung schreiben Sie mit Dauer auf, denn sie werden nach Häufigkeit pro Woche oder Monat gewertet.
Modul 6, Gestaltung des Alltagslebens: Kann Ihr Angehöriger den Tag allein strukturieren, sich beschäftigen, zur richtigen Zeit schlafen gehen, Kontakt zu anderen halten? Oder sitzt er ohne Anstoß stundenlang vor dem ausgeschalteten Fernseher?
Einkaufen, Putzen, Bankgeschäfte und Behördengänge fragt der MD zwar ab, sie fließen aber nicht in die Punkte für den Pflegegrad ein. Notieren können Sie sie trotzdem, denn sie zeigen im Gespräch, wie viel insgesamt an Ihnen hängt.
Beispiel: so sieht ein ausgefüllter Tag aus
Katrin pflegt ihre Mutter Ingrid, 81, in Kassel. Ingrid hat eine beginnende Demenz und seit einem Sturz Probleme mit dem rechten Knie. Katrin wohnt zwei Straßen weiter und kommt morgens, mittags und abends. So sah bei ihr ein Dienstag aus:
| Uhrzeit | Was war los | Hilfe durch Katrin | Dauer | Modul |
|---|---|---|---|---|
| 3:10 | Mutter ruft an, glaubt, es sei Morgen und sie verpasse den Bus | am Telefon beruhigt, zweiter Anruf um 4:00 | 20 Min. | 3 |
| 7:30 | Aufstehen, Weg ins Bad | aus dem Bett geholfen, am Arm gestützt | 10 Min. | 1 |
| 7:40 | Waschen, Anziehen | Oberkörper wäscht sie selbst, Rücken und Beine ich; Kleidung rausgelegt, Reihenfolge angesagt, Strümpfe angezogen | 30 Min. | 4 |
| 8:15 | Frühstück, Tabletten | Brot geschmiert, Tabletten aus dem Wochendosierer gegeben, Einnahme beobachtet | 15 Min. | 4, 5 |
| 12:30 | Mittagessen | aufgewärmt, klein geschnitten; wollte "schon gegessen haben", erst nach Zureden gegessen | 25 Min. | 4, 3 |
| 15:00 | Anruf: Herd an, Topf leer | Nachbarin hat abgedreht; Mutter wusste nicht mehr, dass sie kochen wollte | 5 Min. | 2 |
| 18:30 | Abendbrot, Trinken | daran erinnert, dass sie heute erst zwei Tassen getrunken hat | 20 Min. | 4 |
| 19:30 | Ausziehen, Toilette, Bett | Hose und Strümpfe ausgezogen, Einlage gewechselt | 20 Min. | 4 |
Ein Eintrag braucht nur ein paar Stichworte. Wichtig ist, dass man erkennt, was Ingrid allein schafft und wo Katrin eingreift. Die Spalte "Modul" können Sie auch erst am Wochenende ausfüllen, wenn Sie die Seiten durchsehen.
So gehen Sie Schritt für Schritt vor
- Legen Sie sich ein Heft oder eine Vorlage zurecht, sobald der Antrag gestellt ist. Eine Seite pro Tag mit den Spalten aus dem Beispiel genügt.
- Schreiben Sie direkt nach der Hilfe, nicht abends aus der Erinnerung. Ein Zettel am Kühlschrank hilft, wenn mehrere Personen pflegen.
- Bitten Sie alle, die mithelfen, ihre Einsätze ebenfalls einzutragen: Geschwister, Nachbarn, den Pflegedienst.
- Notieren Sie auch die Nächte: wann Sie geweckt wurden, was los war und wie lange es gedauert hat.
- Sehen Sie am Ende jeder Woche nach, zu welchen Modulen noch nichts steht. Häufig fehlen Modul 5 und 6, weil Medikamente und Tagesstruktur so selbstverständlich geworden sind.
- Machen Sie vor dem Termin eine Kopie. Die Kopie bekommt der Gutachter, das Original bleibt bei Ihnen.
Zur weiteren Vorbereitung auf den Hausbesuch (Unterlagen, Fragen, Ablauf) lesen Sie unseren Ratgeber zur MD-Begutachtung. Mit dem Pflegegrad-Rechner können Sie Ihre Notizen grob in Punkte übersetzen.
Worauf Sie beim Schreiben achten sollten
Beschreiben Sie, was Sie sehen, statt zu bewerten. "Mutter ist verwirrt" sagt dem Gutachter wenig. "Hat um 15 Uhr den Herd angemacht und nach fünf Minuten vergessen, dass sie kochen wollte" ist ein Befund, den man einem Kriterium zuordnen kann.
Schreiben Sie auch auf, was Ihr Angehöriger ablehnt. Wenn Ihr Vater sich weigert zu duschen und Sie ihn jeden zweiten Tag eine halbe Stunde überreden, gehört das ins Tagebuch (Modul 3, Abwehr unterstützender Maßnahmen). Viele Angehörige lassen solche Szenen weg, weil sie ihnen unangenehm sind.
Übertreiben Sie nicht. Gutachter vergleichen Ihre Notizen mit dem, was sie beim Besuch beobachten und in Arztberichten lesen. Wenn dort steht, dass Ihre Mutter allein läuft, aber im Tagebuch jeder Schritt gestützt wird, verliert das ganze Tagebuch an Gewicht.
Sprechen Sie heikle Punkte nicht vor Ihrem Angehörigen an. Viele Menschen schämen sich für Inkontinenz oder Gedächtnislücken und widersprechen dann. Fragen Sie die Gutachterin, ob Sie kurz unter vier Augen sprechen können, oder geben Sie ihr die markierten Seiten zum Lesen.
Was nach der Begutachtung mit dem Tagebuch passiert
Heben Sie das Original auf, bis der Bescheid da ist und die Widerspruchsfrist von einem Monat abgelaufen ist. Das Gutachten bekommen Sie zusammen mit dem Bescheid. Legen Sie Ihre Notizen daneben und prüfen Sie Modul für Modul, ob die Einschätzung zu Ihren Beobachtungen passt.
Weicht das Gutachten deutlich ab, schreiben Sie den Widerspruch mit Verweis auf konkrete Tage. Zum Beispiel: "Am 12., 14., 17. und 19. Oktober ist meine Mutter nachts aufgestanden und hat die Wohnung verlassen wollen. Das Gutachten bewertet nächtliche Unruhe mit nie oder sehr selten." Wenn die Pflege später mehr wird, führen Sie erneut zwei Wochen Tagebuch und stellen damit den Antrag auf Höherstufung.
Häufige Fragen
Ist ein Pflegetagebuch für den Pflegegrad Pflicht?
Nein. Weder die Pflegekasse noch der Medizinische Dienst verlangen ein Pflegetagebuch. Es hilft aber, weil der Gutachter nur einen Besuch von meist ein bis zwei Stunden sieht und Ihre Notizen den Alltag dazwischen zeigen.
Muss ich im Pflegetagebuch die Minuten aufschreiben?
Die Minuten fließen seit 2017 nicht mehr in den Pflegegrad ein, bewertet wird die Selbständigkeit. Eine ungefähre Dauer macht Ihre Angaben aber greifbarer, etwa wenn das Anziehen jeden Morgen 25 Minuten dauert, weil Ihre Mutter jeden Handgriff erklärt bekommen muss.
Wo bekomme ich eine Vorlage für ein Pflegetagebuch?
Viele Pflegekassen bieten Vorlagen zum Herunterladen an, ebenso der Sozialverband SoVD und die Deutsche Alzheimer Gesellschaft mit einem Bogen speziell für Demenz. Ein einfaches Heft mit Spalten für Uhrzeit, Situation, Hilfe und Dauer reicht genauso.
Kann ich das Pflegetagebuch auch für einen Widerspruch nutzen?
Ja. Wenn das Gutachten Fähigkeiten besser bewertet, als Sie es erleben, belegen Ihre Einträge mit Datum und Uhrzeit, was tatsächlich passiert ist. Legen Sie dem Widerspruch eine Kopie der passenden Seiten bei.